Ortsunabhängig arbeiten bei Software-Schmiede Räder

Mit Softwareentwicklung als Service unterstützt Stephan Räder mit seiner Software Schmiede Unternehmen dabei, Prozesse zu digitalisieren. Im GetRemote Interview gibt er einen Einblick in seine Arbeitsweise.

GetRemote Interview mit Software-Schmiede Räder

Geschäftsprozesse sollten grundsätzlich aus einem digitalen Gesichtspunkt betrachtet werden. Im Vordergrund stehen nicht zwangsläufig neue Vertriebswege (Multichannel). Vielmehr geht es um die Digitalisierung der relevanten Prozesse in einem Unternehmen. Zum einen, um digitalisierte Produkte zu erschaffen oder triviale Prozesse einer Maschine zu übertragen und zum anderen darum, Menschen die Freiheit zu geben, kreativ zu werden, um sich und das Unternehmen weiterzuentwickeln.

Das zweite Motiv für meine Gründung war die Möglichkeit, ein Unternehmen zu schaffen, das mit dem Erwirtschafteten ökologisch, ökonomisch und ethisch handelt, um so einen Mehrwert auch für die Gesellschaft zu liefern. Und den künftigen Mitarbeitern ein Umfeld zu schaffen, das ihnen sinnhaftes Arbeiten ermöglicht.

 

Steckbrief

  • Unternehmen: Software-Schmiede Räder
  • Mitarbeiteranzahl: 4
  • Modell: Full remote
  • Interviewpartner: Stephan Räder, Geschäftsführer

 

Wie genau sieht euer flexibles Arbeitsmodell aus?

Dank unserer modernen Kunden, arbeiten wir 100% remote aus unserem Homeoffices verteilt über Deutschland. Das sind vertragliche Telearbeitsplätze wo eine Reisebereitschaft ausgeschlossen und das Heim der Arbeitsplatz ist.

Wir haben eine 40 Stunden Woche und 5 Arbeitstage. Die Kernarbeitszeit ist zwischen 10-15 Uhr. Dort ist eine generelle Verfügbarkeit gewünscht, damit dem Team klar ist, wann man sich austauschen kann. Davor und danach ist es jedem selbst überlassen wie er die restlichen Stunden einteilt.

Um 10 und 14:30 Uhr haben wir einen Teamaustausch für Arbeitsthemen, organisatorisches oder Gespräche über Kinder unserer Mitarbeiter, die Hunde unserer Mitarbeiter, das Wetter dort wo wir überall sitzen, Urlaub und alles was uns auf der Seele liegt. Das Interview hier z.B. auch.

 

Mit welchen Tools arbeitet ihr?

Bei der Werkzeug- und Hardwareauswahl recherchiere ich viel. Für unser aktuelles Setting habe ich ca. ein Jahr gebraucht. Man kann mich auch gerne anschreiben wenn man da mehr wissen will oder selbst das ein oder andere einführen möchte. Als Softwarefirma haben wir aber generell viele Werkzeuge.

Bei der Recherche fange ich mit der Suche im Bereich Open-Source bzw. dem IT Standort Deutschland an. Das bedeutet wenn ich ein Tool für eine bestimmte Funktion im Unternehmen suche, recherchiere ich die Tools aus Deutschland und entscheide dann. Nur selten muss man dabei auf die ausländische Werkzeuge zurückgreifen. Der IT Standort Deutschland bietet eine bunte Vielfalt aus professionellen Tools und Dienstleistern und man muss nicht immer den ersten Treffer auf Google nehmen um das beste Ergebnis zu finden.

Es gibt viele KMUs die gute Leistungen und Software anbieten und da wir auch einer dieser Dienstleister sind, ist es nur logisch dass wir unseren eigenen Markt stärken.

Ein Auszug unserer Software: Matrix als Team-Chat (Open-Source, selbst gehostet), BigBlueButton (Open-Source, selbst gehostet) als Videokonferenzlösung, Fastviewer (München) für Kundengespräche und Präsentationen, Teamviewer (Göppingen) für alles andere.

Bei der Hardwareauswahl ist das etwas schwieriger da wenige Hersteller aus Deutschland kommen. Hier prüfe ich ob wir refurbished Hardware nutzen können und das die Hersteller ihre Zentrale nicht in Steuerparadiesen haben.

Hier setzen wir auf XMG Schenker (Leipzig), Cherry-Tastaturen (Deutschland), Logitech-Mäuse (eine der Ausnahmen), Teufel-Headset (Berlin), Stuhl von Backforce (Meßstetten-Tieringen), Tisch von Schultz (Wiesbaden)

Bei der Auswahl der Rechenzentren lege ich Wert auf green IT. Das heißt Strom von Naturstrom oder Greenpeace Energy und gute Energiekonzepte z.B. durch effiziente Netzteile und effiziente Kühlungen.

Hier setzen wir auf manitu.de (Root-Server), teuto.net (Managed Gitlab) und biohost.de (Webseite)

Backup und Ausfallsicherheit: LuckyCloud (aus Berlin), FreeNAS (Open-Source) im Open Storage System (OSS) von Thomas Krenn, StorageBox von Hetzner (Nürnberg), NovaBackup (Hamburg) und O&O (Berlin), USVs von ONLINE USV-Systeme AG (Grünwald).

Wer mehr wissen möchte, kann mich gerne anschreiben.

 

Warum hast du dich dafür entschieden, mit deinem Team ortsunabhängig zu arbeiten?

Ich hatte das Glück nach der Geburt meines Sohnes, 4 Tage Homeoffice pro Woche arbeiten zu dürfen und das über eine längere Zeit. Das war am Anfang nicht selbst verständlich und war mühsam zu etablieren. Es ging dann aber nahezu ein Jahr so. Die Stunden die ich vorher gependelt bin oder im Hotelzimmer verbrachte, habe ich dann mit meinem Sohn verbringen können. Das war ein Aha-Effekt.

Es ist ein Mehrwert, den ich meinen Mitarbeitern auch ermögliche. Daher sind wir generell sehr familien- und tierfreundlich. Große Bürogebäude in Stadtteilen die aus Geltungsgründen in teuren Stadtteilen stehen, halte ich für arbeitnehmerfeindlich. Die Immobilienpreise innerhalb von Städten werden immer teurer. Die Arbeitnehmer können sich die Mieten so nahe am Arbeitgeber nicht mehr leisten.

Sie ziehen irgendwann in Randgebiete und müssen dann aber ihre kostbare Zeit fürs Pendeln opfern, damit sie arbeiten gehen können. Oder sie opfern Ihr Geld um sich ein Auto zu kaufen mit dem sie schneller sind oder die Wohnung näher an der Arbeitsstätte.

Natürlich gibt es immer Ausnahmen aber das macht für mich alles keinen Sinn. Die Pedenlei ist schädlich für die Umwelt und damit auch letzendlich für alle. Zusammengenommen ist das zumindest für die IT-Branche kein zukunftsfähiges Modell.

Ein weiterer Punkt ist der, dass wir uns Software-Schmiede nennen und es in früheren Zeiten so war, dass dort wo gearbeitet wurde auch gewohnt wurde. So wie wir in den Homeoffices. Das ist nicht der Hauptgrund aber fügt sich gut in das Bild der Schmiede.

 

Arbeitet ihr (nur) ortsunabhängig oder auch zeitunabhängig?

Wir haben die Kernarbeitszeit zwischen 10-15 Uhr. Es ist egal wann man dann die restlichen 3 Stunden arbeitet. Laut Vertrag muss dies aber in den eigenen Wänden sein. Das kann man aber unmöglich kontrollieren.

 

Worauf sollten Unternehmen besonders achten, die Home Office und remote work gerade neu etablieren?

Aus meiner Sicht kommt es dabei auf das Mindset der Führungskräfte an. Die Tools und Werkzeuge bekommt man schon etabliert aber gerade die Führungskräfte müssen sich davon lösen ihre Mitarbeiter arbeiten „zu sehen“. Zudem müssen die Prozesse umgestellt werden so das klar definierte Arbeitspakete besprochen und bearbeitet werden. Daran wird nun mal die Leistung gemessen.

Es muss zudem eine Platform geben um die Kaffeeküchengespräche abzulösen. Also nicht direkt die Arbeit bequatschen sondern auch mal über persönliche Themen sprechen oder den Mitarbeitern mal was nettes ins Homeoffice senden. Größere Unternehmen werden zudem feststellen dass es manche Jobs gar nicht mehr braucht.

 

Funktioniert erfolgreiches Führen auf räumliche Distanz anders als im Büro?

Das auf jeden Fall. Generell kann man sagen dass es schwieriger ist 10 Remote-Mitarbeiter zu einem Team zu fügen, als 10 Mitarbeiter in einem Büro die sich jeden Tag 8 Stunden sehen und gemeinsam in die Mittagspause gehen. Bürogebäude fördern jedoch aus meiner Sicht das Denken in Silos, Etagen und Abteilungen.

Virtuell (also remote) bricht das auf. Das ermöglicht viel, bringt aber auch Probleme. Die Mitarbeiter können sich ja unterhalten ohne dass alle es mitbekommen und der Chef aus dem Büro schaut. Kontrolletti-Chefs werden damit ein Problem haben und unsicher werden. Zigarettenpausen etc. bekommt man nicht mehr mit.

Ein eigenes Büro, ist schon eine Machtdemonstration und schüchtert den ein oder anderen Mitarbeiter ein. Für manche Führungskräfte ist das ein Werkzeug um Mitarbeiter zu steuern.

Ein anderes Beispiel: Der ein oder andere Leser kennt das vielleicht, wenn man dann zum Oberchef geordert wird und mal 10 Stockwerke hochfährt und die „Luft“ auf einmal eine andere ist. Das entfällt ja alles, da jeder nur durch die Webcam zu sehen ist und es nicht mehr darauf ankommt ob er ein 20qm oder 40qm Büro mit Blick auf den Fluß in der Nähe hat.

Im Chat hat jeder nur einen Nickname und da ist dann der Regionalleiter auch nur einen Klick weit entfernt genau so wie der Praktikant der letzte Woche angefangen hat.

Die Führungskraft muss zudem mehr Transparenz in Entscheidungen bringen und offener für Kritik sein. Denn ich bilde mir ein, dass der Mitarbeiter im Homeoffice mehr Zeit hat seinen Job und die Sinnhaftigkeit seiner Aufgabe zu überdenken, da er sich das trauen kann. Es gibt eine größere Distanz zwischen ihm und seinem Arbeitgeber. Er sitzt nicht physisch in dem Apparat den er gerade hinterfragt.

 

Mit welchem Vorurteil werden ortsunabhängige Teams oft konfrontiert und wie würdest du es entkräften?

Aus meinen Gesprächen mit anderen Unternehmern kann ich sagen, dass die generelle Meinung ist, dass mal ein Homeofficetag schon geht. Man kann die Arbeit ja im Büro wieder aufholen. Es wird also davon ausgegangen dass im Homeoffice nichts gearbeitet und den ganzen Tag Netflix geschaut wird. Das gilt es herauszufinden.

Es gibt, wie überall, schwarze Schafe. Personen in ortsunabhängigen Teams die die nötige Selbstdisziplin mitbringen und sich nicht in Facebook, Insta, Twitter, Youtube oder anderen aufmerksamkeitssaugenden Apps verlieren, sind freier in ihrem Denken, effizienter da sie sich dort aufhalten wo sie sich wohlfühlen und letztendlich zeitlich flexibler da sie nicht pendeln müssen.

 

Drei gute Gründe, warum mehr Unternehmen ihr Team ortsunabhängig(er) aufstellen sollten?

Mitarbeiter müssen nicht mehr kündigen wenn sie umziehen. Das Know-How bleibt in der Firma und man erspart sich die mühsame Suche neuer Fachkräfte und die Einarbeitung.

Mitarbeiter sind zufriedener, da sie mehr vom Leben haben und nicht mehr ihre Lebenszeit durch Pendeln von und zur Arbeitsstelle vergeuden.

Der Bewerbermarkt ist größer wenn man Personen aus ganz Deutschland, der Welt oder zumindest von der gleichen Zeitzone einstellen kann.

 

Welchen Tipp hast Du für Leute mit dem Wunsch nach einer ortsunabhängigen Festanstellung?

Sie sollten sich überlegen ob es wirklich das ist was sie wollen oder weil sie sich bewerben weil es cool ist. Zweiter Punkt ist der geistige Ausgleich. Man braucht etwas das einen aus den eigenen 4 Wänden holt.

Dritter Punkt: Prüft genau wie der Telearbeitsplatz bei eurem zukünftigen Arbeitgeber geregelt ist. Vertrag prüfen, Kommunikationsstrukturen erfragen, wie und durch wen erfolgt die Einarbeitung und die Arbeitszuweisung.

Über mich

Ich bin Teresa und ich helfe Unternehmen Home-Office und remote work erfolgreich einzuführen. In meinem Blog findest du Portraits von Unternehmen, die bereits erfolgreich remote arbeiten und ich teile meine Herangehensweise an Remote Work und Leadership. Viel Spass beim Lesen!

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