Ortsunabhängige Teams
Schreibe einen Kommentar

Ortsunabhängig arbeiten bei … Friendventure

Steckbrief

  • Unternehmen: Friendventure
  • Mitarbeiterzahl: 19
  • Modell: Half remote – Wechsel aus Büro- und ortsunabhängigen Phasen in einer 30-h-Woche bei voller Bezahlung
  • Interviewpartner: Julian Hansmann, Gründer

1. Julian, wie genau sieht euer flexibles Arbeitsmodell aus?

Die Möglichkeit zum Homeoffice ist ja mittlerweile auch in klassischen Unternehmen angekommen. Wir wollten mit unserem Remote-Ansatz aber noch einen Schritt weitergehen und allen Mitarbeitern die freie Wahl lassen, an welchem Ort sie arbeiten möchten.

Natürlich wird die Remote-Arbeit meist von zu Hause aus getätigt, aber manche nutzen auch die Möglichkeit, in der Bahn, im Café, in anderen Städten oder in Einzelfällen auch im Ausland zu arbeiten.

2. Wie regelt ihr das, wenn ein Mitarbeiter im Ausland arbeitet?

Um ehrlich zu sein, das hat gar nicht so viel verändert: Ein Mitarbeiter aus dem Designteam war in Neuseeland mit dem Rucksack unterwegs. Er ist dort einen Monat gereist und einen weiteren Monat hat er gearbeitet, um sich das Ganze zu finanzieren. Das Problem mit der Zeitverschiebung hatten wir schnell im Griff. Ansonsten mussten wir unsere Arbeit nur geringfügig daran anpassen.   

3. Ihr arbeitet nicht nur ortsunabhängig, sondern auch zeitunabhängig, oder?

Ja, das stimmt. Auch was die Arbeitszeit angeht, fahren wir ein eher unkonventionelles Modell. Meine Grundhaltung lautet hier: Solange du die Deadline einhältst und gute Arbeit ablieferst, ist es egal, WANN du arbeitest. Es gibt nun mal Nachteulen, Langschläfer und Frühaufsteher. Warum sollten wir diese ganz unterschiedlichen Typen in ein nicht mehr zeitgemäßes 9-to-5-Modell zwängen?

Außerdem leben wir in der Agentur das Modell der 30-h-Woche. Ein Vollzeitangestellter hat zwar ein vertraglich festgelegtes Wochenpensum von 40 Stunden, aber aus Erfahrung wissen wir, dass niemand hochkonzentriert 8 Stunden am Stück arbeiten kann. Diverse Studien sagen übrigens dasselbe. Deshalb haben wir den produktiven Output auf 30 Wochenstunden festgelegt, was bei einer Vollzeitanstellung 6 Stunden pro Tag entspricht.

Produktiver Output umfasst dabei die Zeit, in der effektiv an etwas gearbeitet wird. Zigarettenpausen und YouTube-Videos schauen gehören natürlich nicht dazu. Dennoch darf jeder seinen Arbeitstag individuell mit Pausen gestalten.

4. Mit welchen Tools arbeitet ihr, um die Remote-Arbeit zu ermöglichen?

Für die Erfassung unserer Arbeitszeit nutzen wir das Time-Tracking-Tool Harvest. Hier tracken wir nicht nur unsere absolute Arbeitszeit, sondern auch das Projekt. Für die interne Kommunikation nutzen wir Slack. Neben arbeitsrelevanten Themen werden hier auch viele Offtopics diskutiert – zum Beispiel der Ort des täglichen gemeinsamen Mittagessens.

Für die Projektkoordination nutzen wir Asana. Hier können Aufgaben zugewiesen und Arbeitsprozesse strukturiert werden. Das Tool ist super für unsere agile Webentwicklung, da wir hier auf konstruktives Feedback vom Kunden angewiesen sind.   

5. Warum hat du dich dafür entschieden, mit deinem Team ortsunabhängig und in einer 30-h-Woche zu arbeiten?

Um ehrlich zu sein gab es da gar keinen Tag X, ab wann wir das so gehandhabt haben. Wir sind eher in einem Prozess dort hingekommen. Wir waren von Anfang an flexibel in unserer Arbeit, bei uns hat es 9-to-5 niemals gegeben. Das liegt natürlich auch an mir: Ich pendle viel zwischen Köln und Berlin, reise viel und hab meinen Laptop immer dabei. Wenn ich das darf, warum dann nicht auch meine Mitarbeiter?

Mir ist klar, dass unser Konzept des orts- und zeitunabhängigen Arbeitens ein hohes Maß an Verantwortung, aber auch Vertrauen erfordert. Die Arbeitszufriedenheit und die meiner Meinung damit korrelierende Arbeitsqualität sind für mich aber deutliche Indikatoren, dass wir damit alles richtig machen.

6. Mit welchen Vorurteilen sehen sich ortsunabhängige Teams konfrontiert? Habt ihr da eigene Erfahrungen gemacht?

Ich muss sagen, mit unseren Kunden haben wir diesbezüglich noch überhaupt keine schlechten Erfahrungen gemacht. Wir setzen hier auf eine klare und transparente Kommunikation. Und solange wir die Deadlines einhalten und gute Arbeit abliefern, ist es dem Kunden relativ egal, an welchem Ort wir arbeiten.

Aber für allgemeine Vorurteile gegen das ortsunabhängige Arbeiten gibt es einen Grund: Es ist immer noch eine sehr junge Entwicklung, die noch nicht in allen Unternehmen Einzug gefunden hat. Sowas braucht natürlich Zeit, um gesamtgesellschaftlich akzeptiert zu werden. Zudem haben wir in der Digitalbranche das Privileg, dass wir ein Produkt anbieten, das physische Anwesenheit nicht zwingend voraussetzt.

Paketzusteller, Friseure oder das Pflegepersonal im Krankenhaus haben diese Möglichkeit nicht. Hinzu kommt, dass Menschen, die jahrzehntelang in Präsenz-Jobs im Büro gearbeitet haben, natürlich etwas argwöhnisch auf diese neue Art des Arbeitens schauen. Das ist in etwa so, als ob du jemand, der sein Leben lang an der Schreibmaschine geschrieben hat, vom Computer überzeugen willst.

7. Aber gibt es ganz konkret Vorurteile, die ihr – vielleicht nicht von Kundenseite – erfahren habt?

Natürlich werden Menschen, die im Homeoffice arbeiten, immer mal wieder damit konfrontiert, dass sie ja gar nicht “richtig” arbeiten würden und es sich stattdessen lieber auf der Couch gemütlich machen. Das ist natürlich Quatsch. Denn auch im Büro können sich Mitarbeiter dem Arbeiten verweigern. Chefs müssen sich sowieso davon verabschieden, alles und jeden kontrollieren zu können.

Der Freiraum, der durch unser flexibles Arbeitsmodell entsteht, wird durch meine Mitarbeiter produktiv genutzt und mir und dem Unternehmen doppelt und dreifach zurückgezahlt.

Ein weiteres Vorurteil, was man immer mal wieder hört, betrifft die Anwesenheit. Wir konnten auf jeden Fall das Vorurteil entkräften, dass niemand mehr ins Büro kommt. Der Großteil der Mitarbeiter kommt trotz Flexibilität regelmäßig ins Büro. Das hat mehrere Gründe:

Zum einen sind wir soziale Wesen und bei Friendventure eine eingeschworene Gemeinschaft, die gerne am Leben der anderen teilhat. In der Regel gehen wir immer zusammen Mittagessen oder kochen auch mal für das ganze Team. Zum anderen schätzen einige die kurzen Wege im Büro und den persönlichen Austausch über Projekte.

8. Drei gute Gründe, warum mehr Unternehmen ihr Team ortsunabhängig(er) aufstellen sollten?

Der erste Grund: Eine Befreiung von Zwängen und Regeln bedeutet auch immer eine Befreiung des Denkens. Wenn wir Kreativität, Eigenständigkeit und Verantwortung fördern wollen, braucht es dieses freiheitliche Umfeld, in dem eigene Entscheidungen getroffen werden. Ein starres Korsett mit vielen unnötigen Regeln, führt häufig zu 08/15-Ergebnissen.

Grund Nummer zwei: Im War of Talents kann sich heute kein Unternehmen mehr erlauben, nicht auf die Bedürfnisse der eigenen Mitarbeiter in einer modernen Arbeitswelt Rücksicht zu nehmen. Ortsunabhängiges Arbeiten kann ein Teil dieses Konzept sein sein.

Grund Nummer drei: Häufig bringt es Unternehmen insgesamt weiter, wenn sie interne Denkbarrieren einreißen. Das Aufbrechen von verkrusteten Strukturen macht das Unternehmen womöglich auch wieder wettbewerbsfähig im digitalen Zeitalter.

9. Welchen Tipp hast Du für Leute mit dem Wunsch nach einer ortsunabhängigen Festanstellung?

Bleibt bei eurem Vorhaben, wenn es eurem Lebensmodell entspricht. In den nächsten Jahren wird die Anzahl  der ortsunabhängigen Stellen weiter steigen. Ihr solltet aber nicht vergessen, dass in der Kommunikation über E-Mail und Web Gestik, Mimik und Emotion häufig auf der Strecke bleiben. Deshalb würde ich Remote-Teams in regelmäßigen Abständen zu Präsenztreffen raten. Natürlich ist es auch für die Koordination schön, sich einmal Face-to-Face gegenüber sitzen, aber mir geht es hier eher um das Zwischenmenschliche. Die Remote-Arbeit fällt wesentlich leichter, wenn man dem Namen auch ein Gesicht zuordnen kann und eine persönliche emotionale Bindung aufgebaut hat.

Vielen Dank für das Interview!

Kategorie: Ortsunabhängige Teams

von

Hey ich bin Teresa! Meine Mission ist es, die ortsunabhängige Festanstellung in Deutschland salonfähig und dadurch Menschen in ihrem (Arbeits-) Leben glücklicher zu machen! Ich habe mein Herz an Berlin verloren, rolle das R aber immer noch so wie in meiner Heimat Bayern :) Wenn ich nicht gerade in einem der beiden B's bin, findet ihr mich unterwegs in der Welt...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*